Retro Review

erschien ursprünglich für PC und Macintosh; die hier besprochene Playstation-Umsetzung von 1997 erschien exklusiv in Japan, es existiert dort auch eine Spielhallenversion

Quest for Fame

Ende der 1990er-Jahre schwappte eine Welle völlig neuer Spiele aus den Spielhallen in japanische Wohnzimmer: Musik- und Tanzspiele, deren Besonderheit darin bestand, dass sie mit einem speziellen, instrumentenförmigen Eingabegerät gespielt wurden. Maßgeblich vorangetrieben wurde dieser Trend von Konamis Musikspieleabteilung namens Bemani, wonach das Genre teilweise auch benannt wurde. Der Controller für Beatmania besteht etwa aus einem Plattenteller und fünf Klaviertasten, der für Pop'n Music aus neun gleich großen Buzzern und Guitar Freaks wird sogar mit einer Plastikgitarre in realistischer Größe gespielt. Mit am populärsten war jedoch Dance Dance Revolution (in westlichen Gefilden 'Dancing Stage'), das mit Tanzmatten oder schweren Tanzplattformen gespielt wird, auf denen sich der Spieler im Takt hüpfend oder eben annähernd tanzend bewegt.

Nicht alle dieser Spiele schafften es samt Spezialcontroller nach Europa und wenn, dann oft nur in abgespeckter Form – sowohl software- als auch hardwareseitig. Es half dem Genre zunächst auch wenig, dass so mancher Nachahmer ähnliche oder gar bessere Ideen hatte und diese auch in hiesigen Gefilden stärker vorantrieb. Allen voran Segas Samba de Amigo für Dreamcast, das mit zwei Rasseln ausgeliefert wurde, sowie Namcos Donkey Konga für Gamecube, bei dem Bongos zum Einsatz kamen. Das Genre war in Europa weiterhin eine Nische, vor allem interessant für japanophile Spieler.

Neben diversen, zeitweise sehr populären Karaoke-Spielen sorgte schließlich 2005 Guitar Hero dafür, dass sich auch in den USA und Europa massenhaft Spieler mit Plastik-Gitarren vor Bildschirmen bewegten. Dieses Mal war die Musikauswahl am westlichen Geschmack ausgerichtet und umfasste zahlreiche Rock-Klassiker. Von diesem plattformübergreifenden Erfolg war 1995 jedoch noch nichts zu erahnen, als ein kleines Studio namens Virtual Music ein Musikspiel mit Aerosmith-Songs für IBM-PC und Macintosh erschienen ließ. Quest for Fame war dabei nicht einmal das erste Spiel des Entwicklers, man experimentierte bereits zuvor mit dem sogenannten VPick, der nun auch bei Quest for Fame zum Einsatz kam. Es handelt sich dabei um ein Plektrum mit Kabel, das an die serielle Schnittstelle des PCs (bei der Mac-Version an den Druckeranschluss) angeschlossen wird. Obskurerweise muss jedoch das eigentliche 'Instrument' vom Spieler selbst gestellt werden. Dies kann eine echte Gitarre sein, die Entwickler empfehlen jedoch einen Tennisschläger. Auch mit der 1997 erschienenen Playstation-Umsetzung – die es zwar nach Japan schaffte, jedoch nicht auf europäische und amerikanische Konsolen – wurde ein VPick mitgeliefert.

Das Spiel wurde originalgetreu vom Computer auf die Playstation umgesetzt, weshalb die Bedienung der Menüs etwas befremdlich anmutet. Man bewegt einen Mauszeiger mit dem handelsüblichen Controller an Anschluss 1 über den Bildschirm und 'klickt' mit dem X-Knopf. An Anschluss 2 schließt man den VPick an, mit dem die Saiten des Tennisschlägers angeschlagen werden. Das Spiel ist rein rhythmisch aufgebaut, es geht also lediglich darum, korrekt im Takt zu spielen. Ähnlich wie in späteren Musikspielen werden die zu spielenden Noten vorgegeben. Am unteren Bildrand befindet sich das so gegannte Rhythm-EKG, das gelbe Spitzen nach oben zeigt, wann immer gespielt werden sollte, das tatsächliche Gitarrenspiel des Spielers wird darunter mit blauen, nach unten zeigenden Spitzen aufgezeichnet. In der jeweiligen Geschwindigkeit des Songs bewegt sich ein roter Strich darüber hinweg, um anzuzeigen, wo man sich im Song gerade befindet. Da es sich beim VPick um einen vibrationsempfindlichen Controller handelt, muss der Tennisschläger nicht allzu stark berührt werden oder die Saiten gar gezupft werden. Vielmehr sollte gleichmäßig stark angeschlagen werden, damit jede einzelne Note registriert wird. Neben dem Rhythm-EKG befindet sich eine Punkteanzeige, die Werte zwischen 0 und 1000 annehmen kann, wobei nicht nur für gut getroffene Noten Pluspunkte vergeben werden, sondern auch Minuspunkte für verpasste oder falsch gespielte Noten. Für das Bestehen der meisten Herausforderungen im Spiel ist eine Punktzahl von mindestens 750 am Ende eines Songs vonnöten. Die Spitze des VPicks besteht aus dünnem, aber relativ stabilem Plastik und hält einige Sitzungen durch. Gerade übermäßiges Zupfen der Saiten sorgt aber durchaus für Abrieb und nutzt den Controller allmählich ab. Insgesamt funktioniert das Spielen trotz der auf den ersten Blick abenteuerlich anmutenden Vorstellung, mit einem verkabelten Plektrum auf einem Tennisspieler Gitarre zu spielen, erstaunlich gut. Manchmal gehen jedoch einzelne Noten unter, weil sie wegen zu geringer Vibration nicht registriert werden, obwohl sie physisch eindeutig gespielt wurden.

Quest for Fame ist gewissermaßen ein als Musikspiel verpacktes Abenteuerspiel. Es erzählt die etwas klischeehafte Geschichte eines Aerosmith-Fans in der fiktiven, amerikanischen Stadt West Feedback, der es aus dem heimischen Jugendzimmer bis ins große Stadion schafft. Zu Hause herumlümmelnd und vor der Stereoanlage seine Lieblingssongs nachspielend, wird eine Coverband auf ihn aufmerksam, die nebenan in einer Garage probt. Nicht alle Bandmitglieder sind gleichermaßen überzeugt von ihm, aber vor allem Frontfrau und Sängerin Sheila hält zu ihm und kommt sogar bei ihm vorbei, um ihm mitzuteilen, dass sie vom nörgelnden Rhythmusgitarristen und Ersatzsänger Toby auch nicht so viel hält. Verlaufen die Proben in der Garage gut, folgt bald eine Einladung in den berüchtigten Roadkill Grill. Dass die Band die bekannten Aerosmith-Songs etwas anders spielt, ist dort kein größeres Problem, aber sie rechnet nicht mit der örtlichen Motorrad-Autorität Evil Stu, der partout darauf besteht, dass Steppenwolf gespielt wird. Da die Band inklusive des Gitarristen 'Born to be wild' nie wirklich geprobt hat, war es das zunächst mit Ruhm und Ehre und der Spieler findet sich in der zwielichtig-alptraumhaften Polyester Lounge wieder und schrammelt eine surreale Fahrstuhlmusik-Version des Songs dahin, bis auch die letzten Gäste im Suff in ihren Tischen versunken sind. Der Spieler erwacht in seinem Zimmer und sollte nun als Vorbereitung auf den nächsten Auftritt tunlichst die Steppenwolf-CD hervorkramen. All das findet nicht in einer Eröffnungssequenz oder separaten Zwischensequenzen statt, sondern in der Spielgrafik zwischen und während den Songs. Die Hintergründe und manche Charaktere sind handgezeichnet und erinnern an den Klassiker Day of the Tentacle. Die meisten menschlichen Charaktere werden hingegen von Schauspielern oder eben den Bandmitgliedern von Aerosmith verkörpert und sind als digitalisierte Videosequenzen in die statischen Hintergründe eingesetzt. Diese seinerzeit recht populäre Art der Spielgrafik brachte oft recht uninspirierte Ergebnisse hervor. Nicht bei Quest for Fame: Hier sind die Hintergründe während der Songs umfangreich animiert und die Schauspieler machen ihre Arbeit meistens gut. Kurze Lade- und Zugriffszeiten nehmen dem Spiel etwas an Dynamik, halten sich aber im Rahmen. Der Sprechanteil ist generell hoch und der gesamte Stil des Spiels ist sehr detailverliebt, so dass eine atmosphärisch dichte, glaubwürdige Spielwelt entsteht. Einen Beitrag dazu leistet auch die Tatsache, dass das Spiel aus der Ich-Perspektive erzählt wird und sämtliche Charaktere den Spieler direkt anblicken, wenn sie mit ihm reden. Besonders viel Spaß bereitet das im Falle der Aerosmith-Bandmitglieder.

Der Spielablauf ist nicht komplett vorgegeben und es ist meistens möglich, statt an der eigenen Karriere zu arbeiten und wichtige Männer des lokalen Showgeschäfts zu beindrucken, sich lieber im heimischen Schlafzimmer zu vergraben. Im Fernsehen läuft die Gameshow 'Nail that Riff' mit dem abgedrehten Showmaster Bob Baracuda. Spielt man hier vorgegebene Riffs und Grooves korrekt nach, erhält man CDs mit neuen Songs, die nun zu Hause ganz ohne Lampenfieber geübt werden können. Besteht die Band die nächste Herausforderung im Roadkill Grill, kann alles ganz schnell gehen. Tom Hamilton und Joey Kramer von Aerosmith sind dort auf Talentsuche und beobachten die Band von der Bar aus. Können auch die beiden überzeugt werden, nehmen sie den Spieler mit in einen Late Night Blues Club, wo Gitarrist Brad Whitford und Sänger Steven Tyler warten. Der spontane Jam mit der Blues-Formation dort ist jedoch kein Kinderspiel: Der anspruchsvolle Frontmann ist erst bei einer Punktzahl von über 800 einigermaßen zufrieden, grinst dann aber umso breiter, wenn ihm klar wird, dass er einen Musiker auf seinem Niveau getroffen hat. Er ist gewissermaßen die letzte Hürde, um in direkten Kontakt mit Aerosmith zu treten, Studioaufnahmen durchzuführen und später als Bandmitglied im Stadion zu spielen. Natürlich kann auch weiterhin nicht immer alles glatt laufen und so findet man sich nach einer missglückten Sitzung im Tonstudio in einer Diavorführung von und mit Coucellor Skruggs wieder, der dem Spieler vor Augen führt, welche Berufe neben Studiomusiker für ihn noch so in Frage kämen. Quest for Fame ist deswegen mehr als nur ein Musikspiel, weil es neben der Geschichte auch liebenswürdige, schrullige Charaktere sowie eine große Portion augenzwinkernden Humor aufweist, der sich sehr wohldosiert gegen die Abgründe der Musikindustrie richtet. Gerade für ein Spiel mit einer für die Zeit so großen Lizenz wie Aerosmith ist das nicht selbstverständlich und damit umso bemerkenswerter.

Die Songauswahl besteht aus den Aerosmith-Songs 'Eat the Rich', 'Shut up and Dance', 'Dude (Looks Like a Lady)', 'Livin' on the Edge', 'Love in an Elevator' und 'Walk on Water' sowie 'Born to be Wild' von Steppenwolf, 'What's Your Name' von Lynrd Skynrd und drei Blues-Stücken. Ironischerweise stellen gerade die beiden Rocksongs, die nicht von Aerosmith stammen, große Hürden in der ersten Hälfte des Spiels dar und müssen daher einige Male gespielt werden. Vor allem später im Spiel, wenn der Kontakt zu Aerosmith enger wird, sorgen einige Anspielungen bei Kennern der Band für Schmunzeln. Das Spiel ist zweifelsfrei ein Produkt für Aerosmith-Fans, hat jedoch auch für alle anderen Musikinteressierten etwas zu bieten. Leider wurde der Ton stark komprimiert und ist daher von geringer Qualität, obwohl das Spiel auf zwei CDs verteilt ist. Generell nicht zu unterschätzen ist der Schwierigkeitsgrad, der sich nicht unbedingt an Einsteiger richtet. Zwar stellt das Spiel zu Beginn drei Schwierigkeitsgrade zur Auswahl, doch bereits auf dem mittleren davon sind einige Herausforderungen sehr schwer und ohne gutes Rhythmusgefühl kaum schaffbar. Innerhalb des Spiels wird zudem für jeden Song zwischen den vier Stufen Basic, Rhythm, Lead und Stunt unterschieden, wobei eine Auswahl in der Regel nur im Schlafzimmer zu Übungszwecken möglich ist und für viele Herausforderungen Rhythm oder Lead vorgegeben ist. Auf der Lead-Stufe müssen mitunter auch Soli oder Noten zwischen dem Takt gespielt werden, Stunt richtet sich an echte Könner – hier wurden die Noten teilweise von Aerosmith-Bandmitgliedern persönlich geschrieben. Diese höchste Stufe ist mit dem VPick umso schwieriger zu spielen, da viele Noten kurz aufeinander folgen und der Spezialcontroller gerade solch filigrane Bewegungen teilweise nicht registriert. Mit aus diesem Grund existiert für die Computer-Versionen eine spezielle Plastikgitarre als Controller, Playstation-Spieler können währenddessen allenfalls noch mit dem Schultertasten ihr Können unter Beweis stellen oder eine Spielhalle suchen, die den Automaten samt Gitarren noch im Angebot hat.

Quest for Fame ist eine echte Obskurität, der man ihr zwar Alter anmerkt, die jedoch so liebevoll gemacht ist, dass Musikspiel-Fans auch heute noch viel Spaß damit haben können. Die Tatsache, dass es sich um ein westliches Computer-Spiel handelt, das samt VPick-Controller ausschließlich auf die japanische Playstation umgesetzt wurde, ist bemerkenswert. Musikspiele steckten erst in den Kinderschuhen und Quest for Fame merkt man diese Unsicherheit mit dem neuen Genre an. So ist es auch zu erklären, weshalb der Geschichte und den Charakteren so viel Platz im Spiel eingeräumt wird – zulasten der Musik, deren Auswahl zwar gelungen ist, die aber ruhig von größerem Umfang sein könnte und die leider in eher minderwertiger Tonqualität vorliegt. Das Spiel verfügt neben der angezeigten Punktzahl weder über ein Bewertungssystem noch über eine Highscore-Tabelle, wie in den wenige Jahre später erschienenen Konami-Titeln. Doch gerade durch den Fokus auf die Geschichte mit ihren schrillen Charakteren und witzigen Texten wirkt das Spiel auch zwei Jahrzente später noch sehr lebendig, obwohl die Spielgrafik samt Videosequenzen technisch sicherlich schlecht gealtert ist. Der durch Einlegen der zweiten CD startende Open-Access-Modus erlaubt übrigens einen Sofortzugriff auf alle zehn Szenen – in abgespeckter und etwas einfacherer Form – und eignet sich gut für eine kleine Sitzung zwischendurch oder um das Spiel Neulingen vorzuführen. Der VPick stellt eine an sich simple, aber gut funktionierende Möglichkeit dar, Gitarrenspiel zu simulieren. Einfache und mittelschwierige Songs zu spielen, macht damit sehr viel Spaß, aber leider frustriert die Abfrage bei den schwierigsten Stellen mit vielen Noten kurz hintereinander. Das ist schade und hemmt die Langzeitmotivation, nichts desto trotz sollte man als Freund von Musikspielen Quest for Fame samt VPick einmal in Aktion erlebt haben.

Filipp Münst