Retro Review

erschien ausschließlich in Japan, es existieren keine Umsetzungen

Macross: Scrambled Valkyrie

Choujikuu Yousai Macross (auch bekannt als 'Super Dimension Fortress Macross' und als Teil des 'Robotech'-Universums) war eine der großen Anime-Serien der 80er- und frühen 90er-Jahre, deren Erfolg sich auch in zahlreichen Videospiel-Adaptionen niederschlug. Mit Scrambled Valkyrie erreichte eine der besten Macross-Versoftungen das Super Famicom, die nebenbei unter Beweis stellte, dass grafisch spektakuläre Actionspiele sehr wohl auch auf der Nintendo-Konsole möglich sind.

Hintergrund des Spiels ist die ursprünglich als Nebengeschichte entstandene Welt von 'Do You Remember Love?', deren transformierende Mechs sowie die Verhältnisse zwischen dem Hauptcharakter Hikaru Ichijyo und seinen Gegenspielern Maximilian und Milia Fallyna Jenius direkt in zentrale Spielelemente übersetzt wurden. Die drei Piloten stellen spielbare Charaktere in Macross: Scrambled Valkyrie dar, deren Wahl zu Beginn des Spiels zudem die Farbe des Schiffs bestimmt. Dieses kann dabei die drei Formen Fighter, Gerwalk und Battroid annehmen, die je nach gewähltem Charakter nicht nur verschieden große Ziele abgeben und sich unterschiedlich schnell bewegen, sondern in erster Linie mit sehr unterschiedlichen Waffensystemen ausgerüstet sind. Milias Systeme sind insgesamt stark, jedoch kann keines davon direkt nach oben oder unten schießen. Hikaru besitzt als einziger kein Waffensystem, das einen gewissen Grad an Zielsuche bietet. Max' Gerwalk ist derweil mit einer durchschlagkräftigen Nahkampfwaffe ausgerüstet, die jedoch riskante Flugmanöver nahe der Feinde herausfordert. Obwohl also immer drei Waffensysteme zur Verfügung stehen, müssen trotzdem Kompromisse eingegangen werden, da nicht jede Situation im Spiel mit jedem Charakter bewältigt werden kann. Gerade die Zielsuche mancher Waffensysteme springt nicht auf alle gegnerischen Objekte an und sollte daher nicht überbewertet werden.

Eine genreuntypische, wenn auch nicht allzu nützliche Besonderheit stellt die sogenannte Minmay Cannon dar (benannt nach Lynn Minmay, Popstar an Bord der Macross). Stellt man für kurze Zeit das Schießen ein, leuchtet das Schiff auf und kann einen der kleineren Gegner einsaugen. Dieser wechselt so die Seiten und stellt ein wenig zusätzliche Feuerkraft zur Verfügung. Zwischen den drei Formen Fighter, Gerwalk und Battroid kann frei gewechselt werden, wobei für den Zeitpunkt des Wechsels eine kurzzeitige Unverwundbarkeit gegeben ist. Die Waffensysteme jeder Form können einzeln in drei Stufen aufgewertet werden, indem entsprechende Symbole mit der jeweiligen Form eingesammelt werden. Bei Kontakt mit Gegnern oder deren Projektilen verringert sich nicht nur die Stufe des gewählten Waffensystems, auch das Schild des Schiffs nimmt Schaden. Macross: Scrambled Valkyrie nutzt kein Leben-System, sondern eine Energieleiste für das Schild sowie Continues, wobei beides über Einsammeln entsprechender Symbole wieder aufgefüllt werden kann. Ein Verlust der kompletten Energieleiste bedeutet damit, dass unter Verwendung eines Continues der aktuelle Abschnitt nochmals von vorne begonnen werden muss. Auch wenn das Vorhandensein einer Energieleiste suggeriert, dass der Schwierigkeitsgrad eher moderat ausfällt, ist eher das Gegenteil der Fall – auch Genre-Kenner erwartet hier eine Herausforderung, die nur mit Lernaufwand bewältigt werden kann. Es ist also keine Schande, zunächst auf dem leichten Schwierigkeitsgrad zu spielen, was praktischerweise möglich ist.

Bereits im ersten Abschnitt brennt das Spiel ein audiovisuelles Feuerwerk ab, das zum Spektakulärsten gehört, was auf der Nintendo-Konsole zu sehen ist: Ein Weltraumhintergrund mit einer Vielzahl an Sternen und hoher Tiefenwirkung, riesige Raumschiffe am Bildschirmrand, Schwarze Löcher, die die gesamte Umgebung einzusaugen scheinen sowie zahlreiche Explosionen und Lasereffekte. Dabei wird unübersehbar klar, dass Macross: Scrambled Valkyrie einzig und allein für das Super Famicom entwickelt wurde. Während sämtliche Objekte weder besonders groß noch wirklich detailliert ausfallen und auch selten viele von ihnen gleichzeitig über den Bildschirm fliegen, nutzt das Spiel zahlreiche Gelegenheiten, Grafikeffekte einzusetzen, die auf einem der damaligen Konkurrenzsysteme nicht möglich gewesen wären. Hierzu zählen Transparenzeffekte, Rotations-, Quetsch- sowie Skalierungseffekte. Das Spiel ist in Bewegung deutlich eindrucksvoller, als Standbilder vermuten lassen, da außerdem viele Parallax-Ebenen sowie gleißende Lichteffekte hinzukommen. Ein Großteil der Immersion wird erzeugt durch Effekte, die mehr die Umgebung und die Hintergründe betreffen und nicht die gegnerischen Schiffe. Und wenn, dann handelt es sich in der Regel um einen großen Gegner mit einem noch größeren Geschoss – oft in einem scheinbar abgedunkelten Raum, um die geringe Rechenleistung des Hauptprozessors zu schonen.

Die Qualität der Hintergründe schwankt allerdings über die sieben Abschnitte hinweg. Speziell ein Höhlenabschnitt sowie die triste Erdoberfläche, die lediglich mit vielen Hintergrundebenen und gelegentlichen Blitzeffekten Eindruck schindet, enttäuschen. Ansprechender ist da schon der Flug durch ein feindliches Riesenraumschiff und gegen Ende des Spiels wird Liebhabern mit der Macross selbst sowie der Oberfläche des Planeten Saturn das volle Programm geboten. Wer mit dem Stoff vertraut ist, wird außerdem einige Melodien wiedererkennen, die nun in wuchtiger, fast hymnischer Form daherkommen. Auch hier zeigt Macross: Scrambled Valkyrie mit mehrstimmigen Melodien, tiefen Bässen und krachenden Effekten die Vorzüge der Nintendo-Konsole auf. Obwohl nur in Japan erschienen kommt das Spiel komplett auf Englisch daher, wobei es sich um teilweise sehr schlechtes Englisch handelt, das es locker mit einem Zero Wing aufnehmen hätte können, wenn die Handlung ausführlicher dargelegt worden wäre. So fallen in der kurzen Einleitungssequenz und zwischen den Abschnitten grammatikalisch mangelhafte Mitteilungen neben den ansonsten gut implementierten Charakterzeichnungen zwar negativ auf, lenken aber durch ihren geringen Umfang nicht wirklich vom eigentlichen Spiel ab.

Schade, dass offenbar Lizenzstreitigkeiten am Ende verhinderten, dass diese Anime-Umsetzung den Weg in den Westen fand, denn Macross: Scrambled Valkyrie sollte jeden Freund des Genres zufriedenstellen. Mit den transformierenden Mechs wird genügend spielerischer Tiefgang geboten, um sich von den zeitgenössischen Konkurrenztiteln abzuheben. Die eigentlichen Gegner und ihre Formationen fallen jedoch recht gewöhnlich aus und oftmals tauchen nur wenige von ihnen gleichzeitig auf. Vielmehr stellt die Umgebung meist das größere Hindernis dar – ebenso, wie die Grafik der Umgebungen und Hintergründe meistens eindrucksvoller und effektreicher ausfällt als die gegnerischen Schiffe. Und auch wenn das Spiel einen herausfordernden Schwierigkeitsgrad besitzt, mangelt es innerhalb der sieben Abschnitte teilweise an spielerischer Abwechslung und Kreativität. Die Stärken des Titels liegen also eindeutig im audiovisuellen Bereich, wo eine Qualität geboten wird, die es nicht oft auf dem Super Famicom zu sehen gibt und die vor allem in Bewegung zur Geltung kommt. Somit ist es nicht falsch, von mehr Schein als Sein zu sprechen, wenngleich der Titel spielerisch mit den besten Genrevertretern auf dem System immer noch mithalten kann – insbesondere dank der tadellosen Spielbarkeit.

Filipp Münst