Retro Review

erschien unter dem Titel 'Blazing Lazers' auch in den USA und in PAL-Gebieten, in Japan außerdem als Special Version im Rahmen der Caravan Competition; inzwischen gibt es das Spiel auch als Emulation via Wii Virtual Console sowie im PSN

Gunhed

Bereits 1985 veranstaltete Hudson Soft das erste 'Caravan Festival' in Japan – eine groß angelegte Zusammenkunft von Videospielverrückten, die ihre Fähigkeiten in einem jährlich wechselnden Spiel unter Beweis stellten. Nachdem 1988 erstmals kein Vertikalshooter, sondern ein Baseball-Spiel gespielt wurde, war 1989 mit Gunhed wieder eine Weltraum-Ballerei an der Reihe. Das Spiel war gleichzeitig der erste 'Caravan'-Titel für die PC Engine und wurde außer Haus bei Compile entwickelt, die sich in diesem Genre bereits mit Titeln wie Zanac und Aleste einen Namen gemacht hatten.

So ist es nicht verwunderlich, dass Gunhed einige Gemeinsamkeiten mit früheren (und natürlich auch späteren) Compile-Titeln aufweist und weniger Hudsons Star Soldier ähnelte. Allen voran der unübersehbare Fokus auf das ebenso ausgeklügelte wie umfangreiche Waffensystem. Es gibt vier primäre Waffensysteme, die als nummerierte Orbs in der Umgebung verteilt sind und aufgesammelt werden möchten. System I ist der gewöhnliche, unflexible, aber dafür relativ durchschlagskräftige Multi-Blaster, System II ein weniger starker, jedoch sehr breiter Wave-Shot. Hinter System III verbirgt sich der allseits beliebte Laser, der zwar das durchschlagkräftigste Waffensystem darstellt, dafür aber den nicht zu unterschätzenden Nachteil aufweist, nur in „Schüben“ zu schießen. Somit ist der Raumer für einen kurzen Moment gegen frontal auf ihn zusteuernde Feinde äußerst verwundbar. System IV stellt ein abgespecktes System I dar, das anstatt der fehlenden Feuerkraft zwei ständig um den Raumer kreisende Satelliten und somit einen gewissen Schutz gegen herannahende Gegner und Projektile bietet.

Diese vier Waffensysteme kann der Spieler durch Aufsammeln weiterer Orbs nach und nach aufleveln. Dabei wird bei einem Wechsel des Waffensystems die Stufe beibehalten. Wer also seinen voll aufgewerteten Laser gegen den Wave-Shot austauscht, muss nicht von vorne mit dem aufwerten des neuen Waffensystems beginnen. Der eigentliche Clou aber sind die Sekundärwaffen, die ebenfalls in der Umgebung herumschwirren. Da wären bis zu zwei feuernde Satelliten, die dem Raumer folgen, zielsuchende Raketen, ein Schild, sowie ein alternativer Feuermodus für das primäre Waffensystem. Jedoch kann immer nur eines dieser sekundären Waffensysteme benutzt werden. Es muss also zwischen mehr Feuerkraft, höherem Schutz und alternativen Feuermodi abgewägt werden. Bemerkenswert ist hierbei, wie ausgeglichen das gesamte Waffensystem gestaltet ist. So gibt es keine zu starke Waffe (auch der Laser verdient in Gunhed diese Bezeichnung nicht) und auch keine optimale Kombination von Primär- und Sekundär-Systemen. Für jede Spielsituation will die geeignete Ausrüstung gefunden werden, was mit den Reiz des Spiels ausmacht. Dabei ist das Waffensystem insgesamt zwar umfangreich und komplex, jedoch nie überladen oder unausbalanciert, wie etwa in Super Aleste.

In den ersten beiden Abschnitten mag sich beim Spieler ein wenig Langeweile breitmachen, was zum einen an den ewigen Weltraum-Hintergründen liegen kann oder daran, dass diese Compile-typisch sehr lange geraten sind. Während die späteren Abschnitte diese Länge beibehalten, gestalten sich die Themen im Lauf des Spiels deutlich abwechslungsreicher und mitunter sogar recht lustig und bizarr. So beinhalten diese unter anderem fliegende Gehirne und tödliche Pyramidenspitzen. In Abschnitt drei ist dagegen nahezu alles zerstörbar und Unmengen an Powerups schwirren herum. Abschnitt acht besteht fast ausschließlich aus Seifenblasen und wird mit seltsamer Musik begleitet. Nach einem recht langen Stück scrollender Action stellt sich dem Spieler in der Regel ein eher wehrloser Zwischenboss in den Weg, bevor nach einem etwas kürzeren Scrollabschnitt schließlich der richtige Bossgegner folgt. Die Bosse sind recht kreativ und langweilen nicht mit ausschließlich bekannten Genreklischees (auch wenn natürlich viele davon trotzdem bedient werden). Viele mögen zunächst fachmännisch zerkleinert werden (Arme und Geschosse abschießen), bevor sie letztendlich klein bei geben. Der Schwierigkeitsgrad der Bosse schwankt recht stark (was auch vom jeweils gewählten Waffensystem abhängt), manche sind etwas zu leicht. Spätestens zur obligatorischen Bossparade wünscht man sie sich aber noch einmal ein Stück leichter. Die Gestaltung der einzelnen Abschnitte darf insgesamt als sehr gelungen bezeichnet werden, die paar wenigen etwas in die Länge gezogenen Passagen fallen kaum negativ auf. Zu intensiv ist die Action, zu schnell mitunter das Spielgeschehen und zu abwechslungsreich die Hintergrundgrafik, damit über weite Strecken Langeweile aufkommen könnte.

Ein weiterer erster Eindruck, der täuschen kann, ist der zunächst eher moderate Schwierigkeitsgrad. Bereits in den ersten Anläufen dürften geübte Shooter-Spieler recht weit kommen, da das Spiel zunächst nur langsam im Schwierigkeitsgrad anzieht. Dazu tragen nicht nur die zahlreichen Smartbombs bei (die allerdings wie von Compile bekannt nicht den gesamten Bildschirm abdecken), sondern auch die Tatsache, dass bei einem Treffer nicht gleich ein komplettes Leben verloren geht, sofern man sich nicht auf der niedrigsten Waffenstufe befindet. Bei müssglückten Flugmanövern im Projektilhagel verringert sich nämlich zunächst erst einmal jene Waffenstufe, erst auf der niedrigsten Stufe oder bei direktem Kontakt mit gegnerischen Raumern oder größeren Projektilen muss vom letzten Checkpoint neu gestartet werden. Umso fordernder gestalten sich die allerletzten Stages. So ist es auch für Genreprofis kein leichtes Unterfangen, Gunhed ohne Continue durchzuspielen. Der Spieleinsteig gestaltet sich sehr fair, was motiviert; den Titel aber letztendlich zu meistern, erfordert einiges an Übung und nicht zuletzt einen sparsamen Umgang mit Leben und Smartbombs in der ersten Spielhälfte. Ein weiterer Compile-typischer Aspekt ist die Tatsache, dass der Raumer beim Einsammeln von Powerups für Sekundenbruchteile unverwundbar ist, was von geübten Spielern durchaus als taktisches Mittel eingesetzt werden kann.

Ein großer Motivationsfaktor auf dem Weg zum 1CC ist die fabelhafte Hintergrundmusik. Vor allem unter Berücksichtigung des recht frühen Erscheinungsdatums im Lebenszyklus der PC Engine ist es als sehr beachtlich einzustufen, was Compile hier aus dem Medium HuCard alles herausholen. Die vielschichtigen Melodien reichen von psychedelischen Cyber-Klängen über treibende Elektro-Teppiche bis hin zu eher unauffälligeren, geheimnisvollen Stücken. Jeder Abschnitt wird musikalisch sehr passend untermalt, auch die Soundeffekte können sich hören lassen. Somit ist Gunhed nicht nur spielerisch, sondern auch technisch ein hervorragender Vertikalshooter, der seiner Zeit in einigen Aspekten sicherlich voraus war und auch heute noch für Genrefans uneingeschränkt empfehlenswert ist.

Filipp Münst