Retro Review

neben der Playstation-Version erschien auch eine Umsetzung für Sega Dreamcast; die Spielhallenversion läuft auf Segas Naomi-System

Capcom vs. SNK
Millennium Fight 2000 Pro

Capcom stellte Mitte der 90er-Jahre mit Vampire/Darkstalkers und X-Men: Children of the Atom unter Beweis, dass die Street-Fighter-Serie keine Eintagsfliege war, sondern lediglich ein erster Schritt hin zu einer Erstarkung eines Prügelspiel-Genres mit vielerlei Facetten. Trotzdem wurden diese Spiele teilweise als 'Street Fighter mit Vampiren' beziehungsweise Marvel-Charakteren verunglimpft. Parallel dazu entwickelte sich das Neo Geo mit zahlreichen Prügelspiel-Perlen – nicht nur von Konsolen-Hersteller SNK – zur ersthaften Konkurrenz. Das Duell zwischen Street Fighter III und Garou: Mark of the Wolves fand schließlich auf Augenhöhe statt, wobei damit leider auch das letzte große Aufbäumen SNKs vor der unverdienten Pleite verbunden war. Offenbar eher aus der Verzweiflung des Bankrotts geboren wurde das Aufeinandertreffen der beiden Prügelspielschmieden innerhalb eines Spiels, dem im Jahr 2000 erschienen Capcom vs. SNK: Millennium Fight 2000.

In bester Capcom-Manier entstand schnell darauf eine überarbeitete Version mit dem Zusatz 'Pro', die neben kleinen Änderungen an der Spielbalance lediglich Capcoms Dan Hibiki sowie SNKs Joe Higashi hinzufügte. Im Schatten des bereits erschienenen Nachfolgers Capcom vs. SNK 2: Millionaire Fighting 2001 schaffte es die Pro-Version des ersten Teils nicht nur auf Segas Dreamcast sondern auch auf die weiterhin populäre, mittlerweise aber in die Jahre gekommene Playstation.

Im Vergleich zum immens umfangreichen, aber auch reichlich chaotischen Nachfolger gestaltet sich Capcom vs. SNK: Millennium Fight 2000 Pro ein wenig geordneter und wesentlich einsteigerfreundlicher. Obgleich Capcom die Führung in der Entwicklung übernahm, wurden einige SNK-typische Spielelemente in das Kampsystem integriert, so dass sich das Spiel tatsächlich wie eine Mischung aus beiden Prügelspiel-Welten anfühlt. Weder die Komplexität eines Street Fighter III noch die Vollkommenheit eines Garou: Mark of the Wolves wird erreicht – vielmehr wurden hier Facetten von Street Fighter Zero/Alpha und The King of Fighters miteinander verschmolzen. Gekämpft wird in Teams, die jedoch nicht komplett frei wählbar sind. Jeder Kämpfer ist nach Stärke mit einer Ratio von 1 bis 4 eingestuft, wobei die Summe der Ratios des gesamten Teams 4 betragen muss. Nur besonders starke, freispielbare Kämpfer (darunter Gouki/Akuma), sind mit Ratio 4 eingestuft und müssen daher alleine antreten. Nicht alle Einstufungen sind passend – zumal einige Fan-Lieblinge die schwächste Einstufung erhielten –, grundsätzlich bringt das Ratio-System aber ein willkommenes, taktisches Element ins Spiel. Wer trotzdem darauf verzichten will, kann mit dem sogenannten 'Pair Match' alle Kämpfer auf Ratio 2 festlegen. Grundsätzlich hat jeder Kämpfer eine Lebensleiste und wenn diese aufgebraucht ist, kommt der nächste ins Spiel – ein freies Wechseln ist nicht möglich. Über zwei Lebensleisten verfügt lediglich Endboss Geese Howard, der sich standesgemäß in die Reihe gnadenloser SNK-Bosse einreiht.

Daneben muss für das gesamte Team zwischen Capcom- und SNK-Groove gewählt werden, womit nicht nur das Aussehen der Kämpfer sondern auch das Kampfsystem bestimmt wird. Die grundlegenden Aktionen sind in beiden Grooves gleich, wobei die größte Umstellung für Capcom-Veteranen sicher die Reduzierung auf vier Angriffe – leichte und harte Schläge und Tritte – ist. Im Capcom-Groove lädt sich ergänzend dazu eine Super-Leiste in drei Stufen auf, so dass Super-Combos vollführt werden können. Währenddessen lässt sich die Leiste im SNK-Groove aufladen, indem die beiden harten Angriffe gedrückt gehalten werden (währenddessen ist der Kämpfer schutzlos angreifbar). Ein weiteres Element sind die Rollen (beide leichte Angriffe kurz drücken), mit denen wie in The King of Fighters auf den Gegner zu oder gar an ihm vorbei gerollt werden kann. Die Steuerung passt gut zum Layout des Playstation-Pads, außerdem scheinen bei der Umsetzung die Richtungseingaben an das Playstation-Steuerkreuz angepasst worden zu sein, denn auch komplexe Eingaben werden gut erkannt.

Neben den um zentrale Spielelemente beraubten Playstation-Umsetzungen der Marvel-Reihe, den schnarchigen Portierungen der späten The King of Fighters oder dem verpixelten JoJo's Bizarre Adventure konnte Capcom vs. SNK: Millennium Fight 2000 Pro auch in technischer Hinsicht bemerkenswert gut auf die alte Sony-Konsole umgesetzt werden. Anders als die Dreamcast-Version läuft das Spiel auf Playstation in der niedrigeren 240p-Auflösung, die optional auch auf dem Naomi-System zur Verfügung steht. Das hat den Effekt, dass die hochauflösenden Hintergründe heruntergerechnet werden mussten und so wie vorgerendert aussehen, während die ohnehin niedrige Auflösung der Kämpfer ganz gut kaschiert wird. Dadurch fällt der Kontrast zwischen Hintergründen und Kämpfern wesentlich geringer aus und die Grafik wirkt mehr wie aus einem Guss. Leider fehlen die (meistens sehenswerten) Intros vor jedem Kampf, außerdem diverse Hintergrundeffekte sowie manche Animationen. Auch die Menüoberfläche, die im Original wohl suggerieren sollte, dass alle Kämpfer Teil einer Fernsehsendung sind, wurde stellenweise gekürzt, wodurch dieser Effekt nicht mehr wirklich gelingt. Störend sind auch die polygonalen Treffer- und Feuereffekte, die sehr niedrig aufgelöst sind und sehr pixelig daherkommen. Die Ladezeiten zwischen den Kämpfen sind erträglich und durch die Schnellladefunktion der PS2 sogar verkürzbar. Doch auch bei jedem neuen Kämpfer muss kurz geladen werden, was an sich nicht weiter schlimm ist, jedoch den unschönen Nebeneffekt mit sich bringt, dass die Hintergrundmusik wieder von vorne beginnt. Einige Ladesequenzen, etwa beim Continue, lassen sich praktischerweise durch rechtzeitiges Drücken der Start-Taste überspringen.

Zwar liegt hier nicht gerade das rundeste und polierteste Capcom-Prügelspiel vor, doch die SNK-Einflüsse im Kampfsystem sorgen für genügend Eigenständigkeit neben Street Fighter Zero/Alpha 3 und Street Fighter III: 3rd Strike. Da sogar im Vergleich zur Zero/Alpha-Serie Vereinfachungen stattfanden, gestaltet sich der Capcom-Groove erfrischend altmodisch und auch der SNK-Groove übernimmt nicht alle Feinheiten der späten Episoden von The King of Fighters. Die Komplexität von Capcom vs. SNK: Millennium Fight 2000 Pro besteht eher darin, den richtigen Groove mit dem passenden Team zu kombinieren. Nicht alle Paarungen sind ähnlich stark und auch der allgemeine Schwierigkeitsgrad im Einzelspielermodus steigt etwas zu steil an. Technisch müssen zwar einige Abstriche gemacht werden müssen, dennoch hat die Umsetzung auf die schon bei Erscheinen veraltete Plattform ihren Reiz und kann insgesamt als gelungen bezeichnet werden. Der Titel ist damit eine Bereicherung für jede Playstation-Sammlung und genau das richtige, um Capcom-Veteranen den Einstieg in die SNK-Welt leichter zu machen oder Fans von The King of Fighters auch mal mit Ryu und Ken die Superleiste aufladen zu lassen.

Filipp Münst